Gestrandet am Stachus

2016 wird für mich immer ein Jahr bleiben, dass ich mit einem unangenehmen Kloß im Hals verbinde. Das mulmige Gefühl, das man verspürt, wenn man an einem friedlichen Freitagabend mit seinen Kollegen ein Bier trinkt und plötzlich eine Eilmeldung eingeht. Ist ein wieder ein Held meiner Jugend der egal wie alt er geworden ist, gefühlt viel zu früh von uns gegangen ist? Steht wieder ein Abend vor einem Liveticker bevor? 2016 fühlt sich alles noch viel wahrscheinlicher an als sonst. Mit jeder verdammten Eilmeldung.

Als ich gestern von den Schüssen in München erfuhr, stieg eine tiefe Traurigkeit in mir auf und ich habe mich ohne großer Worte von meinem Büro im Glockenbachviertel entfernt und bin gedankenverloren Richtung Sendlinger Tor geschlendert. Nach und nach konnte man sehen, wie sich die Nachricht ausbreitete. Immer mehr das Handy in die Hand nahmen und keiner sich so wirklich sicher war, wie es weitergeht.

Beim Versuch ein Taxi zu erwischen, werde ich weg geschubst und merke, dass es wohl doch noch etwas ernster werden und sein könnte, als ich denke. Mein nächster Impuls ist den Stachus anzusteuern um einfach schnell eine S-Bahn raus aus dem Wahnsinn zu nehmen.

Am Gleis ist fast niemand und die einfahrende Bahn rast an mir vorbei. Ich bin fast alleine im Untergrund der Stachus-Passage.

Während ich abwechselnd mit meiner Mutter und meinen engsten Freunden telefoniere und überlege, wie ich jetzt am klügsten vorgehen sollte, ändert sich das Szenario plötzlich.

Die Menschen die zuvor noch tendenziell das Untergeschoss verließen, strömten mit einer Lawine drastischer, greller Schreie sturzartig die Treppen herunter. Ich hatte einen kurz Moment vorher schon Blickkontakt mit einem jungen Mitarbeiter der deutschen Bahn aufgenommen, der aus einem seitlichen Raum heraus kam.

Er winkte mich in den Sicherheitsraum und die ersten Menschen die mir folgen, fragen mich erstmal ob ich sicher bin, dass der junge Türke mit Vollbart kein Terrorist ist. Ich versichere ihnen seine Hilfbereitschaft und plötzlich sind über 40 Menschen in dem Raum.

Frauen weinen, Kinder schreien, alle sind blass, verstört und ständig ruft jemand: „Da hat jemand geschossen!“

Meine Freunde rufen mich an, schreiben mir zahlreiche Nachrichten und jeder warnt mich, weil ich zuvor kurz Meldung gegeben hatte gleich am Stachus nach Hause zu fahren und in Sicherheit zu sein.

Ich werde immer stiller, immer blasser, mein Herz rast. Ich würde mich gerne übergeben oder in Luft auflösen.

Hakan, der junge Mitarbeiter der Bahn, ist nicht blass. Seine Augen sind wach und gutmütig und er bewahrt einen kühlen Kopf.

Erst sorgt er dafür, dass alle Platz haben, die von Stürzen und Übertrampeln verletzten Menschen versorgt sind. Er versichert allen, dass wir hinter dieser Sicherheitstür sicher sind und bleiben können und alles irgendwie gut wird.

„Hier macht das iPad für die Kinder an, damit sie sich etwas anderes anschauen können.“ Wenige Zeit später ist jeder im Raum mit kalten Getränken versorgt.

Ein blinder junger Mann ist alleine und orientierungslos bei uns gestrandet. Viele Menschen sind gestürzt, haben ihre Sachen unterwegs verloren, sind beängstigt, haben Todesangst.

Unter den 40 Menschen sind zum großen Teil ältere Menschen und Touristen, die völlig verwirrt sind und gar nicht im Bilde waren was gerade vor sich geht, da sie die deutschen Medien natürlich nicht mobil verfolgt haben.

In extrem zittrigen Worten erkläre ich einem japanischen Touristen, der mit seiner Frau seinen Europa-Urlaub genießen wollte, dass es zu gefährlich ist um raus zu gehen. Er möchte wissen wie viele Menschen schon tot sind und ich weiß es nicht und ich weiß auch gar nicht ob hier unten alle so viel wissen sollten.

Wir haben Handyempfang und die Gerüchte überschlagen sich.

Mir wird vollkommen anders, als eine junge Frau das Video von den Schüssen laut abspielt und sich mehrere Menschen vor dem Bildschirm reinziehen, wie der psychisch gestörte Täter auf Jugendliche ballert. Ich möchte mich schon wieder übergeben. Bin inzwischen blasser als die Wand.

Eine ältere Dame beginnt seufzend Kreuzworträtsel zu lösen. Sie ist den meisten viel voraus.

Die Lage ist unklar und der Stachus kann nicht angefahren werden. Ich verspreche der Mutter des jungen blinden Mannes, dass ich bei ihm bleiben werde, bis er abgeholt werden kann und auch Hakan bietet weiterhin jedem an, solange dort unten zu bleiben, wie sie möchten.

Obwohl er unbedingt zu Frau und Kindern möchte, das sieht man ihm an, stellt er sein Wohl hinten an und kümmert sich um alle Anwesenden.

Die meisten können es nicht erwarten entgegen der Warnungen schon raus zu rennen. Ich bleibe sitzen. Es fahren keine Bahnen und Autos können den Stachus nicht anfahren. Ich halte sitzen bleiben für die beste Lösung und beharre darauf zu bleiben, bis jeder der weniger mobil ist, ebenso sicher ist.

Ich hab Angst und will nach Hause. Unter der Erde zu sein fühlt sich komisch an.

Hakan entschuldigt sich, dass die Toiletten nicht sauber sind, während ich unfassbar dankbar bin, dass wir überhaupt eine Toilette haben. Wir haben eindeutig die 5-Sterne-Suite unter den Unterschlupfen.

Während Hakan sicher geht, dass jeder das richtige Ladegerät für sein Mobiltelefon hat und ich weiterhin versuche heraus zu finden, wie ich den jungen Mann nach Hause bekommen soll, hören wir plötzlich ein lautes Klopfen.

Stille. Alle ziehen die Köpfe ein und haben furchtbare Angst. Weiterhin hallendes Klopfen. Hakan schreit: „WER IST DA?“ und ich fühle mich wie in einem schlechten Film. Alle halten die Luft an. Aber es sind nur ein paar Rückkehrer, der zu früh aufgebrochenen Truppe.

Irgendwann gegen Mitternacht weist uns die Polizei darauf hin, dass der Stachus wieder angefahren werden kann.

Frische Luft hat sich noch nie so gut angefühlt. Der Springbrunnen am Stachus plätschert Beifall für meinen persönlichen Helden Hakan, der mit mir wartet bis Mutter und Sohn sich in die Arme fallen. Wir sind noch vier Gestrandete, die bis zum bitteren Ende geblieben sind. Wir fallen uns in die Arme. Diesen Tag vergessen wir nie. An der Oberfläche hat sich viel Hass angesammelt, viel Unmut und zahlreiche Gerüchte. Aber es gibt Helden, Zusammenhalt und offene Türen und Freunde die einen mitten in der Nacht umarmen und abholen. 2016 wird mich auch immer an Liebe und Freundschaft erinnern, wäre da nur nicht dieser Kloß im Hals.

Mein Herz rast noch, ich hab noch die Schreie im Ohr, aber ich bin nach wie vor unfassbar dankbar, so viel Zusammenhalt in dieser Nacht erleben haben zu dürfen.

Kurzer Nachtrag: Ich denke nicht das am Stachus geschossen wurde und die Medien etwas vertuschen. Ich vermute, dass etwas für Schüsse gehalten wurde und die Hysterie auslöste. Die Verletzten die ich auf Facebook erwähnt hatte, waren Opfer von Stürzen.IMG_20160723_212856

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5 Comments

  • Wenn – wie hier nachvollziehbar geschildert – bei einem Amoklauf eines Einzelnen schon derart dramatische Erlebnisse entstehen, kann man sich vorstellen, was die Menschen in einer Stadt wie Aleppo tagtäglich mitmachen.
    Umso unverständlicher ist es, dass viele kein Verständnis für deren Flucht haben und meinen, die Leute sollen dort bleiben.

  • Krass, danke für den Bericht.
    Ich bin oben vorbei „spaziert“, kurz nach dem Alarm. (Dass es Fehlalarm war, stand kurz darauf schon fest. Ich frage mich gerade, ob ihr das nicht erfahren habt oder ob ihr dennoch beschlossen habt, dort zu bleiben.)
    Es war alles wieder völlig ruhig. Auch kurz danach, als ich am Hauptbahnhof war, war es dort schon (wieder) sehr entspannt und die aus dem Hbhf Evakuierten standen alle auf dem Gehweg und warteten, was wohl als nächstes geschehen würde.

    Ich habe erst überlegt, ob ich mich in ein Hotel setzen und dort warten soll. Aber nach einer Cola war schnell klar, dass heute nichts mehr fahren würde. Wenn ich nach Hause wollte, musste ich zu Fuß gehen und das habe ich dann letztendlich auch getan. Erst nach dem Harras habe ich ein Taxi bekommen und habe mir dann immerhin eine letzte Stunde Fußmarsch gespart.

    Jeder von uns hat diesen Abend anders erlebt und wieder einmal bin ich froh, dass ich kein Smartphone habe. Denn so habe ich mir wohl viel Panik erspart, da ich einfach „nur“ die Situation direkt vor Augen hatte, nicht die Gerüchteküche.

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