Fuck You Hallux Valgus – „Nur ein Routineeingriff..“

Ich hatte immer schiefe Füße. Eine Erbanlage. Alle in unserer Familie haben hässliche Füße. Mit der Optik hatte ich mich schon lange abgefunden. Womit ich definitiv nicht leben konnte war, dass ich vermehrt Urlaube abbrechen musste, weil meine Füße sich so stark entzündeten. Die Füße verformten sich über die Jahre immer stärker, sowohl an den Großzehen, als auch am äußeren Hallux. Ich passte kaum noch in Schuhe und hatte ständig richtig starke Entzündungen und Aufreibungen, sobald ich längere Strecken laufen wollte, wie eben bei einem Städte-Urlaub. Meine Mutter lebt bis heute glücklich mit ihren Füßen, da sie sowieso fast immer Auto fährt und nie länger am Stück läuft. Das kam für mich aber nicht in Frage. Ich liebe es zu Fuß zu gehen und ich liebe es die öffentlichen Verkehrsmittel zu vermeiden und ausgiebige Streifzüge durch Städte und Museen zu planen. Daher entschied ich mich kurz vor dem 30. Lebensjahr dazu beide Füße operieren zu lassen.

Eine Hallux-Valgus-Operation ist eigentlich ein Routine-Eingriff und relativ viele Frauen lassen das Prozedere aus rein ästhetischen Gründen über sich ergehen. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht, als ich die vielen Unterlagen unterschrieben habe, mit Dingen die schief gehen können. Wer ist schon der eine Ausnahmefall zwischen Millionen Fällen, in denen es gut läuft? Man selbst sicher nicht.

Auf eine Empfehlung hin suchte ich einen Orthopäden auf, der mir schlichtweg sympathisch war. Ich hatte ein gutes Gefühl bei der Sache und es klang alles herrlich unkompliziert. Im Oktober 2015 ließ ich mich in der renommierten Decker-Klinik also am rechten Fuß operieren und alles lief scheinbar ganz gut. Damals hätte mir schon auffallen müssen, das man nach so einem Eingriff ggf. auch Physiotherapie machen sollte. Aber zu dem Zeitpunkt war ich noch sehr optimistisch…

Im Dezember wurde das Material aus dem rechten Fuß entfernt und zeitgleich der linke Fuß operiert. Als einige Wochen später das Material aus dem linken Fuß entfernt wurde, begann das Drama zu eskalieren.

Ich wurde direkt nach der Materialentfernung nach Hause geschickt und bekam plötzlich immens starke Schmerzen. Mein Bein fühlte sich an, als würde es in Flammen stehen. Ich bekam Schüttelfrost und ich musste mich ständig übergeben. Ich rief den Orthopäden an, der mir sagte, ich solle ins Krankenhaus fahren um eine Thrombose auszuschließen, da eben das ganze Bein schmerzte..

Ich suchte das Klinikum Bogenhausen auf, wo ich circa sieben Stunden lang hingehalten wurde. Ich gab am Empfang an wirklich sehr, sehr heftige Schmerzen zu haben. Konnte mich kaum auf den Beinen halten und musste mich ständig übergeben. So schlecht ging es mir noch nie zuvor im Leben und ich betonte es auch immer wieder. Die Thrombose wurde ausgeschlossen und ich wurde stundenlang auf einem Gang sitzen gelassen. Immer wenn der junge bemühte Arzt zu mir kam, gab ihm jemand zu verstehen, das ich kein Notfall sei und er wo anders hingehen solle. Er wirkte bemüht, gestresst und verzweifelt. Ich wurde nicht müde zu betonen, wie unfassbar schlecht es mir geht und wie groß der Schmerz ist. Es wurde kein Blut abgenommen. Mir wurde mehr oder weniger gesagt, dass ich ja selbst merke das ich den Verkehr aufhalte und das ich auf keinen Fall etwas Zeitkritisches habe und ich nach dem Wochenende einfach zum Orthopäden oder Hausarzt gehen solle. Man drückte mir ein paar Opiate in die Hand und schickte mich heim.

Im Bericht wurde natürlich vermerkt, dass ich mich ja wieder vorstellen könnte, falls es doch schlimmer wird. Aber wer geht denn nach 7 Stunden Wartezeit, wenn man schon tausendfach erwähnt hat, wie schlimm es ist, nochmal direkt ins Krankenhaus? Ich hatte erstmal Panik erneut in die Klinik zu fahren, obwohl es mir Zuhause immer schlechter ging.

Schließlich platzte die OP-Wunde auf und stülpte sich auseinander. Der Fuß wurde schwarz. Ich suchte das Krankenhaus circa 30 Stunden später erneut auf und erneut wartete ich stundenlang. Dann wurde mir Blut abgenommen und plötzlich wurden alle sehr hektisch. Der Arzt fragte mich eindringlich wie es mir denn gerade geht… und ich antwortete, wie auch zuvor: „Sehr, sehr schlecht.“ Nur diesmal sagte er: „Das kann ich mir vorstellen. Sie haben einen CRP-Wert von 280. Wir müssen sie sofort operieren.“ Der CRP-Wert im Körper zeigt an, das etwas nicht in Ordnung ist. Ein Entzündungswert. Ab 5 ist etwas nicht in Ordnung. Meiner lag bei 280. Das entspricht einem Brandopfer.

Ich wurde mit vollen Magen mitten in der Nacht notoperiert und der Arzt sagte schon auf dem Weg in den OP, das er fürchtet das noch einige Operationen folgen werden… Ich durfte vorerst sehr lange nicht mehr aufstehen. Nicht einmal ohne Rollstuhl aufs Klo gehen. Ein Fuß reißt ja sofort auf, wenn man auftritt und sie haben mit dem wenigen Fleisch was noch übrig war, wirklich kunstvoll das „Loch“ gestopft. Dank dem extrem guten Jungarzt, der wahre Wunder vollbracht hat, konnte die Drainage ohne plastische Chirurgie entfernt werden. Obwohl der Chefarzt sogar ganz sicher war, dass es nicht möglich sei. Da hatte ich wirklich verdammtes Glück.

Das ewige Liegen, die unzähligen Schmerzmittel, Nackenschmerzen… Mir ging es immer schlechter. Ich fing wieder an aus Frust zu Essen und mir fehlte der Sport. Ich wurde dick und unglücklich und schrieb einen viralen Artikel, durch den ich dankenswerterweise an meinen großartigen Arbeitgeber Webguerillas gekommen bin.

Dann ging das Drama weiter. Ich hatte permanent Schmerzen im Mittelfuß. Bis Dato übrigens immer noch keine einzige Form von Krankengymnastik o.Ä. verschrieben bekommen. Ich hatte auch schon ein halbes Vermögen für Taxifahrten und Heilmittel ausgegeben.. Ich war mehrfach im Klinikum Bogenhausen, wo man sagte: „Es stimme was nicht mit der Panzerung“ – Ich weiß bis heute nicht was das heißen sollte… Man tippte auch mal auf Probleme mit den Sehnen. Ich wurde immer abgewimmelt. Der Orthopäde, an den ich immer noch glaubte, verschrieb mir nur immer wieder Schmerzmittel, von denen es mir immer dreckiger ging.

Ich suchte zur Sicherheit die Schön-Klinik auf. Da war man fachlich wohl sehr gut, aber unfassbar kühl. Man wollte alle Zehen einmal durchsägen, damit sich der Fuß neu ausrichtet. Das wollte ich damals nicht einfach hinnehmen, so kurz nach dem langen Liegen. Ich wollte unbedingt meinen neuen Job behalten und war nicht bereit wieder ewig flach zu liegen. Es kam mir übereilt vor. Hätte ich geahnt, wie es weiter eskalieren würde, hätte ich die Operation sofort gemacht..

Der ursprüngliche Orthopäde tat weiterhin so als wäre alles mit den Füßen in Ordnung. Bis er mich irgendwann ins MRT schickte und man erstmals sah, dass an mehreren Stellen Belastungsbrüche waren.
Wie ich später erfahren würde, hatte er beide Großzehen sehr schief und viel zu kurz operiert, wodurch die Statik des Fußes vollkommen hinüber ist. Außerdem waren die Außenhalluxe, die laut ihm nachrücken sollten automatisch, permanent entzündet.

Von da an ist im 3-4-Wochen-Takt immer wieder ein Mittelfußknochen gebrochen. Quasi ein Belastungsbruch, ein Knochenmarködem, das sehr schmerzhaft ist. Immer an einer anderen Stelle. Körperlich war ich durch das viele Liegen und die ständige Medikation völlig hinüber und das Orthopädie-Zentrum im Hackerhaus peppelte mich ordentlich auf mit Untersuchungen und Vitamin D. Nichtsdestotrotz erholte sich mein CRP-Wert weiterhin nicht und man befürchtete, das ggf. der Knochen immer noch infiziert ist.

Nachdem die Brüche kein Ende nahmen, schlug Dr Poluda, der ein unfassbar toller Arzt, jedoch kein Fuß-Experte ist vor Dr K. aufzusuchen. Laut ihm und laut Focus der beste Fuß-Chirurg überhaupt. Er würde niemand anderen ranlassen, wenn ich die Chance hätte, dass er das macht. Nach allem was passiert ist, wollte ich auch einfach nur die Sicherheit in guten Händen zu sein.

Ich suchte ihn Ende 2016 auf und hatte zu dem Zeitpunkt wieder einige Belastungsbrüche. Daher vereinbarten wir einen Termin im Februar, um dort über OP-Optionen zu sprechen, wenn alles verheilt wäre. Ich fieberte auf den Termin im Februar und wurde dort erstmal über 4 Stunden sitzen gelassen. Alles entsprach dem Klischee einer Privatklinik. Eine Patientin, die wie sie mir erzählte einen viel späteren Termin hatte, wurde vorgezogen, bestätigte mir aber auch im Wartezimmer, dass sie nur zu ihm gehen würde. Weil er eben der Beste ist und ich darum kämpfen solle..

Ich weiß noch, dass als ich endlich dran war, die Frage aufkam: „Was wenn da wieder was bricht? Es ist ja jetzt schon fast zehn mal passiert.“ Er sagte mir: „Das bricht nicht nochmal.“ Er würde vorerst nur den Außenhallux korrigieren und ich solle dafür einen Termin ausmachen.

Einen Termin bekam ich erst für Juli 2017 und ich gab mich damit zufrieden, schließlich ist er ja nun mal der Beste. Dr Poluda sagte mir, ich soll mich auf sein Urteil verlassen und daran hielt ich fest.

2 Wochen später ging es von vorne los. Beide Füße schmerzten höllisch. Im MRT sah man große Knochenmarködeme. Immerhin kam jetzt erstmals die Praxis auf die Idee mir Krankengymnastik zu verschreiben. Die Physio war schlichtweg schockiert über den Zustand der Beine und Füße und verstand gar nicht, wie es passieren konnte, das nicht vorher mal jemand auf die Idee kam, mich wenigstens in der Hinsicht zu stützen. Ich weiß es auch nicht.

Da es entgegen der Voraussage wieder zu Brüchen kam, erkämpfte ich mir einen erneuten Termin bei Dr K. Seine Reaktion auf die von Dr Poluda verordneten MRT-Bilder? „Wozu denn der MRT? Wir wissen doch das da Brüche sind?“ – Er sagte aber doch, dass es nicht wieder passieren sollte.. Dann meinte er: „Naja, sie hat halt irgendein Wilder operiert, völlig schief und das sind die Folgen… Irgendwann sind alle Stellen mal gebrochen und die brechen ja nicht wieder.“ Nachdem ich erneut geröntgt wurde, sagte er, dass man die linke Zehe vorne drehen könnte und ich dafür einen Termin mit seiner Partnerin verabreden kann.. Ich meinte daraufhin: „Aber Sie operieren doch zumindest meinen Außenhallux im Juli?“ Er sagte: „Das mache ich nicht… Rufen sie vorne an und klären sie das mit meiner Kollegin.“ Ich brach in Tränen aus. Die Sprechstundenhilfe schaute nach und sah den Termin im System bestätigt. Sie lief ihm hinterher und ließ mir dann von ihm ausrichten, dass er die OP nicht machen will. Das wäre quasi nicht anspruchsvoll genug für ihn. Der einzige Lichtblick den ich hatte, dass mich zumindest jemand operiert, der wirklich, wirklich gut ist, wurde ausgelöscht.

Bezüglich des Sepsis-Vorfalls hatte ich im Vorfeld schon versucht einen Behandlungsfehler anzukreiden. Da aber im Arztbericht steht, dass ich ja hätte nochmal kommen können, war das Klinikum quasi „save“. Ich telefonierte zuletzt mit der Barmer über das Einreichen der vermurksten Zehen und der sehr nette Herr entmutigte mich völlig mit der Aussage, dass er es ohne Rechtsschutz nicht versuchen würde, da er in 20 Jahren nur zweimal erlebt hatte, das es von Erfolg gekrönt ist.

Ich hab schon so viel Geld, Zeit und Lebensqualität durch die ganze Geschichte verloren, dass ich nicht mehr weiß wo ich ansetzen soll. Ich bin verzweifelt. Ich hoffe ich habe halbwegs alles zusammen gefasst, wenn auch nicht textlich so ansprechend wie sonst.

Ich kann nur jedem raten, der einen Routine-Eingriff vor sich hat, sich klar zu machen, was so ein Eingriff auslösen kann. Jede Operation kann Folgen haben, egal wie „klein“ sie ist und Füße müssen einen noch ein ganzes Leben tragen.

Aktuell ist es scheinbar nicht mal möglich so etwas Banales wie Krankengymnastik oder Lymphdrainage für beide Füße gleichzeitig zu bekommen. Überall liegen Steine im Weg und ich fühle mich nicht ernst genommen. Ich will einfach keine verdammten Schmerzen mehr haben.

Und liebe Passanten.. Es ist unfassbar deprimierend, wenn einem alle 30 Sekunden jemand entgegen kommt, der ruft: „Oooh, gleich beide Füße! Guck mal!“ –  Ich kann diese Story nach 1,5 Jahren selbst nicht mehr hören.

 

Und an dieser Stelle ganz herzlichen Dank an das Orthopädiezentrum im Hackerhaus, das Team vom Fitness First Black Label Club am Marienplatz und an die Webguerillas. Ein Arbeitgeber der in jeder Hinsicht hinter mir steht und mich unterstützt.

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8 Comments

  • Hallo,

    oh je … Ich kann gar nicht mehr schreiben als: Das liest sich furchtbar und es tut mir leid, was du bis jetzt alles durchmachen müsstest.

    Alles Gute für die Zukunft!

    Liebe Grüße, Lisa

  • Hallo,

    ich habe deinen Blog über FB gefunden. Puh. Das tut mir so unendlich Leid. Ich habe selbst seit ich ungefähr 11 bin einen Hallux Valgus. Eigentlich so jedes weibliche Mitglied in meiner Familie. Ich wurde auch einmal operiert. Gott sei dank ging die OP an sich gut. Allerdings hat es mir am Fuß nicht wirklich etwas gebracht. Bei meiner Schwester ist ein Fuß gelungen und der andere wurde bisher 4 Mal nachoperiert. Sie hat einen Nervenschaden und kann nicht lange gehen, stehen oder z.B. Auto fahren. Es ist unglaublich wie die Ärzte mit dir umgegangen sind. Ich wünsche dir ganz viel Kraft!

  • Oh mein Gott das ist ja furchtbar! Man denkt garnicht daran, welche Folgen so eine OP haben kann 🙁
    Bleib stark! Du hast nun schon so viel erlebt. Du wirst alles packen! Diese Zeit hat dich zur Kämpferin gemacht.
    Wahrscheinlich kann ich es nicht im Geringsten nachvollziehen wie es dir geht. Aber behalte deinen Kopf oben. Irgendwann wird alles gut werden 🙂 Nur nicht aufgeben!
    Alles Liebe,
    Julie

  • Das ist ja schrecklich! Es tut mir so leid wie sie mit dir umgegangen sind. Es ist aber super, dass du jemanden gefunden hast, der dich beruflich auffängt und unterstützt. Ich wünsche dir trotzdem alles Gute, in jedem Fall gute Besserung und hoffe, dass irgendwann ein Wunder geschieht und du keine Schmerzen mehr hast!

  • Wow mir fehlen gerade erst einmal die Worte ! Ich muss gestehen das ich als kleines Kind selbst eine ziemlich miese Krankheit hatte und meine halbe Jugend von Arzt zu Arzt gerannt bin. Einige davon waren wirklich unglaublich ungeeignet für ihren Job und ich kann so gut nachvollziehen das du dich immer wieder an einem funken Hoffnung festgehalten hast und natürlich total erschüttert warst, als dir dann wieder ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Schlimm genug das bei dir so viel bei einem eigentlich geglaubten ‚harmlosen‘ Eingriff so viel leid entstanden ist. So viel Lebensqualität geht dadurch verloren! Ich bin wirklich erschüttert über diese Geschichte und auch über die vielen Ärzte die dich ewig warten lassen haben. Ich wünsche dir alles gute für die Zukunft !

    Liebe Grüße
    Patty

  • Hallo! Wirklich schrecklich deine Geschichte. Hast du schon mal mit einem Podo Orthesiologen Kontakt aufgenommen? Es handelt sich um ausgebildete Behandler die dir spezielle Therapie Sohlen anfertigen können. Schau mal auf dieser Seite: http://www.podoorthesiologie.de/
    Alles Gute weiterhin!!!

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