Fett for Fun? Über Arschlochkinder und die große Liebe

Brauche noch einen Super-Pig-Pullover
Brauche noch einen Super-Pig-Pullover

Okay, ich bin doch nicht fett. Na gut, ernsthaft: Eine Menge Leute haben sich sehr über den gewählten Wortlaut aufgeregt und ich kann es verstehen, wenn man es in den falschen Hals bekommt.

Für mich ist der Ausdruck „fett“ eine flapsige Bezeichnung für das Gefühl das man hat, wenn man den Reißverschluss nicht mehr zubekommt und sich im schlimmsten Fall in die Haut schneidet. Das Gefühl, dass man außer Form gerät und die Treppen nicht mehr leichtfüßig nach oben kommt. Das Gefühl von flatternden Armen. Der fiese Nachgeschmack den man im Mund hat, wenn man sich einen schlechten, lauwarmen Burger bestellt hat und gar nicht weiß, wieso man das seinem Körper eigentlich zugemutet hat. Schlichtweg ein Wort dafür, dass man unzufrieden mit der Situation ist, ohne das stumpf auf das Aussehen zu beziehen.

Brauche noch einen Super-Pig-Pullover
Brauche noch einen Super-Pig-Pullover

Früher wollte ich das keiner merkt, dass ich zugenommen habe. Ich war so unfassbar beschämt. „Fett“ ist das Wort das gemeine Menschen benutzen, um Promis in Schmierblättern für ein wenig Bauchansatz zu beleidigen. Das Wort das man hört, wenn pubertäre Jungs eine Mitschülerin im Bus hänseln. Es ist einfach ein fieses Wort, für ein fieses Gefühl. Das Gefühl laut auszusprechen, macht es mir greifbarer es anzugehen. Es einfach auszusprechen, durchbricht meinen Scham.

Ich bin 1,80 cm groß und ich nehme, wie in früheren Beiträgen erwähnt, hauptsächlich am Rücken zu. Beine, Arme und bedauerlicherweise auch mein Hintern bleiben relativ schlank und dadurch wirke ich nicht SO „fett“. Wenn ich in ein Geschäft komme, wollen mir die Mitarbeiter oft nicht glauben, dass ich eine XXL verlange. Ist aber nunmal Reißverschlüssen (Seitenspeck, Ahoi!), Oberweite und Hüftgold zu danken. Es gibt eine Menge verschiedener Figurtypen und noch viel mehr damit verbundene Komplexe. Umkleidekabinen sind der reinste Neurosengarten.

85 kg vs. 75 kg
85 kg vs. 75 kg

Es gibt so viele Menschen die Komplexe haben, weil sie zu dünn sind, aber es nicht laut äußern dürfen, weil es immer noch als gesellschaftlich „okay“ gilt, dass Sprüche wie „Echte Männer wollen Kurven“, „Nur Hunde spielen mit Knochen“ oder „Iss doch mal was, Mädel“ in den Raum gehauen werden. Das ist scheiße. Das selbe gilt natürlich auch für Jungs und Männer, die es mit dem aktuellen Fitness-Wahn auch nicht sonderlich leicht haben. Wer möchte schon als halbes Hemd beschimpft werden?

Vor ein paar Jahren war das alles noch schwieriger. Als ich angefangen habe zu studieren, war es unfassbar schwer Kleidung zu finden, in der ich mich wohl gefühlt habe. Inzwischen gibt es Online-Shops wie ASOS, die geschmackvolle Übergrößen führen und bei ihren Kollektionen auch schlaksige und besonders zierliche Menschen berücksichtigen. Seit ich mich so anziehen kann, dass ich mich damit nicht negativ verhüllt fühle, gehe ich schon viel leichter mit Gewichtsschwankungen um und trete viel selbstbewusster auf.

Schöne Klamotten machen mich schwach ;)
Schöne Klamotten machen mich schwach 😉

Ich bin Gott sei dank, über die Phase hinweg in der ich mich abgrundtief hasse und vor mir selbst ekele. Sonst könnte ich gar nicht so offen und humorvoll darüber schreiben. Deswegen ist es zwar sehr lieb gemeint, wenn ich Mails bekomme, die mich darauf hinweisen, dass meine inneren Werte zählen, aber das hätte man mir besser als Teenager vermitteln sollen. Ich danke euch trotzdem von Herzen für die netten Worte. 😉

Wieso ich diesen ganzen Kram überhaupt für relevant halte? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass wenn ich als Teenager etwas offeneren und humorvolleren Umgang mit dem Thema gehabt hätte, ich mich nicht so unfassbar in diese Probleme und Scham reingesteigert hätte.

Woher nochmal das Umdenken? Zuerst einmal bin ich in einer extrem harmonischen Beziehung, mit einem Menschen dem ich vertraue und der darüber lachen kann, wenn ich meinen Bauch zu einem sprechendem Doughnut forme. Mein Freund hat selbst eine Gewichts-Achterbahn hinter sich und ich kann mich wirklich glücklich schätzen einen Menschen getroffen zu haben, der mich so unfassbar liebt und mich jeden Tag mit „solchen Augen“ ansieht.

Große Liebe
Große Liebe

Denn ich habe das Gefühl, dass er mich genau so ansieht wie ich ihn. Da sind keine Zweifel und keine Dehnungsstreifen und keine Kritik in unseren Augen, nur Liebe. Ich bin wirklich ein Glückspilz.

In der Vergangenheit hatte ich unfassbare Angst davor nicht gut genug zu sein und Menschen zu vertrauen. Ich selbst habe mir nie viel aus der Optik anderer gemacht und ich fand mich selbst eigentlich immer ganz okay, wie ich bin. Dann kamen die Teenager-Jahre und ich fühlte mich plötzlich wie eine Außerirdische. Ich habe nicht verstanden wieso man so unfassbar viel positive Emotionen von seinem Umfeld bekommt, wenn man schlank ist.

Ich hatte es in meiner Jugend nicht sonderlich leicht Freundschaften zu knüpfen, aber ich hatte den Eindruck, dass man wenn man schlank ist, zumindest mehr in Ruhe gelassen wird oder sogar mal ein Lob zu hören bekommt. Nachdem ich mich mit 13 immens runter gehungert habe, wurde ich von meinem Umfeld zunächst zur Zunahme ermutigt. Nachdem ich zugenommen hatte, fand der ein oder andere Schulkamerad es unfassbar lustig, so oft leise zu wiederholen, dass ich fett bin, bis ich weinend aus dem Raum gerannt bin. Kinder können unfassbar scheiße sein. Erwachsene aber auch. Und es bringt nichts über seine Kindheit zu jammern. Aber wenn ich zu der Zeit von jemandem hätte lesen können, der auf humorvolle Weise auf diese schamerfüllten Jahre zurück blickt, hätte mich das vielleicht ermutigt. Und daher schreibe ich diesen Kram.

True Love
True Love

Der ganze Kampf mit dem Essen, rührt im wesentlichen daher, dass ich mich nach Anerkennung und Liebe gesehnt habe. Ich dachte, wenn ich nur anderen gut genug gefalle, dann habe ich eine Chance, dass jemand mich so toll findet, dass er nie wieder weg geht oder mich alleine lässt.

Klingt ziemlich naiv. Das war ich auch und ich bin durch eine harte Schule gegangen. Aus den ersten Bemühungen wuchsen Essstörungen und Perfektionswahn. Dann wollte ich einfach auch unfassbar gut in Kleidung aussehen. Seit meinem 10. Lebensjahr habe ich so oft zwischen gefährlich dünn und übergewichtig gewechselt, dass ich froh sein kann nicht wie ein Gürteltier auszusehen.

Hautstrafend!
Hautstrafend!

Im nächsten Text möchte ich ein wenig mehr auf Essstörungen eingehen. Heute musste ich einfach mal ein paar Sachen klar stellen. 😉 Ich freue mich nach wie vor über euer Feedback und eure Kommentare.

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12 Comments

  • Wie immer großartig!!! Nimm es dir nicht zu Herzen, wenn der eine oder andere Dich kritisiert für das was Du schreibst. Du hast viele Fans und wir finden Deine Texte klasse!!!

  • Ich freu mich immer über deine Texte 🙂 übrigens solltest du ein Buch darüber schreiben finde ich. Ohne Mist, es könnte ein Bestseller werden, einfach weil das n‘ aktuelles Thema ist.. eig immer 😀 aber so eine sehr offene und humorvolle Darstellung des Themas würden bestimmt viele lesen, denk darüber nach 🙂
    Ernsthaft, mir ging es so gut, als ich gelesen habe, wie du auch dir selbst eingestehen musstest, dass es nun mal Fakt ist, zugenommen zu haben und trotzdem Okay so ist, hat mir so unglaublich viel Druck genommen, zu verstecken, dass ich dick bin – sogar vor mir selbst! Es ist anstrengend und nervt. Wie Luft anhalten.. Aber wie auch immer, mach weiter so

  • Finde es ehrlich gesagt sehr gefährlich dass du überhaupt erst auf die Idee kommst, von dir in der Dimension „fett“ zu denken. Auf keinem der Fotos siehst du auch nur dick aus. Und wie du selber sagst, vor allem deine Arme sehen im ersten Bild sehr dünn aus. Wirklich übergewichtige Menschen müssten nach dem Artikel und deinen Fotos in tiefe Depressionen verfallen

    • In diesem Beitrag sind auch durchaus schmeichelhafte Bilder, großteils aus besseren Zeiten. Keines spiegelt die aktuelle Situation wider. In der Tat habe ich jedoch derzeit ein Übergewicht, dass sich nicht gerade glorreich auf meine Gesundheit auswirkt. Wie im Text beschrieben, bezieht sich das „fett“ auf das ungesunde Gefühl und ich muss wirklich vorsichtig mit dem Ausdruck umgehen. Danke für den Hinweis.

  • Hach, ich bin nicht alleine mit all den Gefühlen und Gedanken. Was ich mir immrr alles ausgemalt habe … wenn ich mal dünn bin, dann … möchte ich nicht mehr unsichtbar sein, dann bin ich selbstbewusst, beliebt, Männer fliegen auf mich, wie Motten aufs Licht, man sieht mir mein „Versagen und Schwäche“ nicht mehr an, dann sind alle nicht mehr so oberflächlich. Bescheuert, aber leider wahr.

  • Wie immer ein sehr toller Text – wirklich wahre Worte.

    Ich finde es toll, dass du in der heutigen Insta- #Ach-was-für-ich-ein-perfektes-leben und #ich-esse-nur-healthy-und-clean -Zeit so natürlich bist und die Fakten auf den Tisch legst.

    Ich freue mich schon auf deinen neuen Blogeintrag <3

  • Hallo Nina,

    krasser Beitrag, aber sehr schön geschrieben. Ich bin 1,90 und brauche allein schon wegen der Länge große Größen. Gerade in der Pubertät war das ziemlich übel für’s Selbstwertgefühl. Ich glaube, dass es ordentlich Eier braucht in der heutigen Size-Zero-ist-nicht-dünn-genug-Super-Food-Zeit darüber zu schreiben, wie es wirklich ist bzw. wie es sicherlich in ganz vielen Menschen aussieht. Ich freue mich auf Deinen nächsten Beitrag und folge Dir mal unauffällig.

    Liebe Grüße Anne

  • Ich liebe deine Schreibweise, deine Denkweise und überhaupt alles, was du auf deinem Blog thematisierst.
    Lass die anderen reden, ich finds toll wie du über deine Erfahrungen schreibst!

  • Wieder so ein schöner, wahrer Artikel. Ich freue mich. Ich erkenne mich wieder. Ich bin auch 1,80m groß. Wie passt du in die ASOS Sachen?? Da ist doch alles zu kurz. Ärmel, Taille, Beine…?! Ich kaufe nur noch Labels für große Frauen. Also zum Beispiel LongTallSally.
    Ja, ich habe ebenso als Teenager plötzlich GAR nicht mehr gegessen. Alle fanden es tooooolll. Himmel, wenn ich drüber nachdenke! Ich habe mich dann selber in eine Klinik eingewiesen. Mir war klar, dass ich Hilfe brauche. In meinem Kopf ratternten nur noch kcl Tabellen, für nichts anderes war Platz darin. Es war furchtbar. Danach hieß Dicksein (Fett finde ich auch als Begriff voll ok). Für mich erstmal Gesundsein! Davon musste ich dann auch erst runterkommen. Für eine Einstellung im Staatsdienst habe ich dann in einem Jahr 40kg abgenommen und in einem Jahr auch wieder zugenommen. Erst jetzt habe ich verstanden, dass Dicksein wirklich ungesund und nicht nur eine äußere Erscheinung ist (die ich übrigens gerne leiden mag). Ich möchte gerne dünn sein und mich bewegen können. Zum ersten Mal nehme ich für mich selber ab und aus guten Gründen. Leider bin ich trotzdem nach 25kg Abnahme jetzt erstmal wieder ins Zunehmen gekommen . Deine Artikel helfen mir grade! Danke

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