Ana-Foren, Bulimie, Binge & Bullshit

Sogenannte "Thinspiration"
Sogenannte "Thinspiration"

„Hast du Borderline? Bulimie? Anorexie? Bist du Binge-Eater, hochsensibel, dem Fitness-Wahn erlegen oder ist es bereits Orthorexie?“

Sogenannte "Thinspiration"
Sogenannte „Thinspiration“

Kehren wir für einen Moment zurück in die „Steinzeit“, vor circa 17 Jahren. Ich war 13 Jahre alt, bin durch das Gästebuch einer mittelmäßig prominenten Person gesurft und bin auf eine Website gestoßen, in der eine kleine Community von circa 7 aktiven Nutzern sich mit psychischen Krankheiten und Macken beschäftigt hat.

Bis zu diesem Tag fühlte ich mich wie ein absoluter Außerirdischer auf diesem Planeten. Es war ein vollkommen absurdes Gefühl, dass dort Menschen ähnliche komische Gedankengänge und Gefühle wie ich haben. In mir wuchs das Bedürfnis meine bis dato völlig heimlichen Ängste und Ticks benennen zu können. Ich las unglaublich viele Bücher und Definitionen, durchstöberte Bibliotheken und fühlte mich einerseits verstanden, aber andererseits auch auf eine gewisse Art „entschuldigt“.

Mit 13 hat man noch Träume...
Mit 13 hat man noch Träume…

So viele aktuelle Memes und Witze im Internet funktionieren nur, weil wir jahrelang dachten, dass keiner so abartig, speziell und verrückt ist, wie wir selbst. Vor ein paar Jahren noch war es der absolute Standardsatz in Onlineprofilen: „Ich bin ein wenig verrückt.“

Schaut man sich heutzutage Online-Diskussionen an, merkt man das so viele Menschen Ticks, Ängste und Komplexe haben, die vor 10 Jahren noch höflich unter den Tisch gekehrt wurden.

Und das ist die Sache auf die ich hinaus will. Seit ich Texte schreibe, stoße ich immer wieder auf Leser, die sich unbedingt in eine Schublade einordnen möchten. Vermutlich in der berechtigten Hoffnung irgendwo ein Patentrezept gegen ihre Probleme zu finden.

Diagnosen, Symptome und Gleichgesinnte finden sich heute mit wenigen Klicks.

Vor ein paar Jahren wurden die skandalösen Pro-Anorexie-Foren in den Medien zerrissen.

In Anorexie-Foren traf ich meistens auf kluge und faszinierende Frauen
In Anorexie-Foren traf ich meistens auf kluge und faszinierende Frauen

Foren in denen man sich, ähnlich einer Sekte, darin gegenseitig bestärkt zu verhungern. Darin fand ein reger Austausch darüber statt, wie man bestmöglich abnehmen konnte, aber auch Lösungsansätze im Alltag mit Problemen einer Essstörung umzugehen. Es war ein zweischneidiges Schwert, denn die Foren waren für manche Rückhalt, für andere Verderben.

Obwohl ich unter meiner Essstörung immer sehr gelitten habe, habe ich mich oft mit diesen sogenannten Pro-Anorexie-Foren beschäftigt und war Mitglied in einigen dieser Gruppen.

Es gibt zwar auch Massen-Foren, in denen es sehr viele aktive Nutzer gibt, die begehrenswerten Foren, waren aber meist elitäre kleinere Kreise, in denen ein Platz frei werden musste, um Mitglied zu werden.

Um Mitglied in einem geschlossenen Pro-Ana-Forum zu werde, musste man zumeist einen Fragebogen ausfüllen, über dessen Ergebnisse intern abgestimmt wurde. Es fanden auch kleinere Interviews auf Foren-Basis statt.

Aspartam Ahoi!
Aspartam Ahoi!

Einerseits ging es da nach Sympathie, es wurde aber auch eingeschätzt, ob jemand halbwegs vernünftig mit so einem Forum umgehen kann, oder wirklich so ernsthaft krank ist, dass es ihn bedrohen könnte.

Natürlich hat jedes Forum das anders gehandhabt, aber ich habe mir primär Foren gesucht, in denen etwas reifere Mitglieder waren, die durch das Forum mehr oder weniger versucht haben, so abzunehmen, dass sie nicht daran zu Grunde gehen.

Als Nutzer führte man ein Tagebuch über seinen Alltag und sein Essverhalten, las auch bei anderen mit, nahm am Leben anderer teil, tröstete und beriet sich. Man tauschte Telefonnummern aus für Notfälle und es fanden auch durchaus reale Treffen statt.

Heute noch habe ich Freundinnen in meinem Leben, die ich aus dieser Zeit kenne und ich weiß, dass viele von ihnen diese Texte lesen. Es sind wertvolle und faszinierende Menschen, die sehr feinfühlig sind und außerordentlich intelligent. Das hat wenig mit dem Bild zu tun, dass diese Foren in den Medien widergespiegelt haben. In den Jahren in denen ich Teil dieser Forenkultur war, haben sich zweimal Mitschüler meiner eigenen Schule dort angemeldet, was ich schon wirklich beachtlich finde.

Kennst du deine Mitschüler?
Kennst du deine Mitschüler?

Wir denken alle, dass unser Umfeld sein Leben einfach auf die Reihe bekommt, aber in Wirklichkeit ist fast jeder halbwegs gebildete Mensch schon mal in therapeutischer Behandlung gewesen oder im engen Familienkreis damit in Kontakt gekommen.

Das Problem der späten 90er und frühen 2000er war, dass man als „etwas übergewichtige“ Frau nicht in einem klassischen Diätforum schreiben konnte, ohne sich sofort als magersüchtig beschimpfen lassen zu müssen. Man wurde quasi angeprangert, wenn man dem Normalgewicht bereits zu nah war. Sicher auch teilweise zurecht. Das zweifele ich nicht an.

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In Anorexie-Foren war es jedoch so, dass man recht offen über Ängste schreiben konnte, ohne das man direkt zerrissen wurde. Das machte meiner Meinung nach auch den Reiz dieser Foren für mich persönlich aus. Man konnte vor jemanden offen darüber sprechen, wie extrem verkorkst man sich mit den Themen beschäftigt.

Heutzutage ist das Internet weitaus vielfältiger und Diät-Programme wie Size Zero bieten mit ihren zugehörigen internen FB-Gruppen eine Plattform, in der man sich austauschen kann und verstanden wird. Die positiven Aspekte der Pro-Anorexie-Foren erkenne ich oft in diesen Gemeinschaften wieder, in denen man zusammen hält und sich bestärkt. Teilweise auch ein Auge aufeinander hat. Denn das Phänomen der heutigen Zeit ist es Essstörungen hinter einem übertriebenen Fitnesswahn zu verstecken.

In Anorexie-Foren nannte man es Thinspiration, wenn man einen Thread damit startete Vorher-Nachher-Bilder und Fotos von besonders dünnen Models zu posten. Heutzutage ist das alles gesellschaftsfähiger geworden und die Thinspiration von damals, ist jetzt die normale Inspiration von heute.

"Strong is the new skinny" ist in aller Munde
„Strong is the new skinny“ ist in aller Munde

Möglicherweise haben sich früher einige Nutzer, eher mit Essstörungen statt mit Fitnesslifestyle identifiziert, weil es keine passende Gruppe oder Plattform gab, in der man sich als junge, schlanke Frau damit hätte auseinander setzen können. Als Teenager wollte ich auch keine Weight-Watchers-Treffen besuchen, weil es diesen Nachgeschmack von Hausfrauen-Versammlung hatte. Das war zumindest mein Eindruck, obwohl ich weiß, dass viele sehr erfolgreich mit diesem Programm waren.

Wichtig ist, dass ihr nicht den Bezug zu euch selbst verliert und eure Motive stets hinterfragt. Wer sich bereits als Binge-Eater akzeptiert hat, kann entweder radikale Akzeptanz üben und das Beste daraus machen oder sich weiterhin damit entschuldigen.

Letztendlich ist es egal, wie ihr euch bezeichnet, denn im Endeffekt geht darum was ihr daraus macht. Lebt ihr gesund? Warum möchtet ihr abnehmen? Fühlt ihr euch wohl und vital? Welche Entscheidungen treffe ich heute?

Manch einer sollte sich auch fragen, ob er vielleicht permanent so oft etwas isst, weil es ihm einfach mehr Freude bereitet als Diät zu machen, er sich das aber nicht eingestehen will. Denn dadurch wird das „verbotene Essen“ schließlich noch attraktiver. Manchmal ist der Wunsch schlanker zu sein zwar oberflächlich vorhanden, aber man will sich nicht eingestehen, dass man in Wirklichkeit andere Prioritäten hat. Vielleicht ist auch gerade einfach nicht der Zeitpunkt dafür?

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Hört bitte auf euch in Schubladen zu stecken und fangt an den kommenden Tag als neue Herausforderung zu sehen… rät euch die Frau, die heute schon wieder einen Eisbecher verdrückt hat. Wenn ich mich morgen dazu entschließe mich gut zu ernähren, bin ich einfach nur eine Frau, die eine gesündere Entscheidung getroffen hat. Wir sind jeden Tag nur die Summe unserer richtigen Entscheidungen. Unabhängig davon, welche Symptome wir haben oder wie man es bezeichnen mag. Und das wichtigste Ziel und Ergebnis ist unsere Gesundheit.

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7 Comments

  • Das hast du sehr schön & passend geschrieben. Ich würde sogar aus der Thinspiration von damals die heutige Fitspiration machen & bin mir nicht sicher, ob das „besser“ ist… Ich kenne einige, die quasi aus der Mager- eine Sportsucht gemacht haben. Irgendwie… nett… aber gesund ist das noch lange nicht. Die Krankheit wurde nur verlagert… oder wie siehst du das?

    • Das sehe ich genau so. Es ist ein gesellschaftsfähigeres Gewand in vielen Fällen und teilweise sogar mehr Druck, denn immerhin wettern viele Fitness-Fans bösartig gegen zu dünne Frauen oder Flacharsch-Indianer, wie mich. 😉

  • Das ist wieder mal ein toll geschriebener Beitrag von dir, Nina. Ich lese deinen Blog wirklich gern – du hast wirklich das Talent, mit deinen Worten den Nagel auf den Kopf zu treffen. Weiter so!

  • Danke, dass du da den Zeitpunkt angegeben hast. Als ich in dieser Welt unterwegs war (2006 – 2013), gab es kaum noch Foren, wir waren auf SVZ, hatten dort Zweitaccounts und später Facebook-Gruppen und eigene Blogs. Wenn ich heute Berichte über Foren sehe, frage ich mich ernsthaft, wie die die finden. In all den Jahren habe ich ein einziges gefunden, das noch aktiv war…

    Liebe Grüße

  • Ich finde deinen Text auch toll geschrieben und ich glaube dir, dass du sogar Foren mit „vernuenftigen“ Mitgliedern gefunden hast, doch finde ich auch, dass man Pro Ana Foren nicht romantisieren und allgemein als Alternative zu Diaet Foren sehen darf, denn in den meisten Pro Ana Foren leidet die Mehrheit der Mitglieder unter einer psychischen Erkrankung, die Behandlung bedarf + es geht nicht Vorrangig um einen Austausch von Lebensgeschichten und Aengsten, sondern darum sich (bis zum Tode) zu verhungern. Daher sollte man Pro Ana nur ganz eingeschrenkt mit etwas Positivem verbinden. Ich glaube dir aber sofort, dass du beeindruckende u tolle Leute, mit denen du gut reden konntest in den Foren angetroffen hast. Und der Satz „Die Thinsporation von damals ist die Inspiration von heute“ (oder in etwa in dem Wortlaut 😉 kann grad nicht scrollen) inde ich sehr treffend.

    Auf jeden Fall sehr interessanter und gut geschriebener Text~

  • Ich lese schon seit einiger Zeit deine Einträge auf Facebook und dem Blog hier mit – am Anfang aus reinem Zufall, weil wir viele gemeinsame Freunde haben und sie dadurch immer wieder in meine Timeline gespielt werden und wurden. Ich denke dir tut das hier wahrscheinlich gut und es hilft dir über den Tag. Und brauchst diese Resonanz zu deinen Problemen – dieses Gefühl des „Hey so gehts mir auch, halt durch, wird schon“. Aber das hilft nicht – es ist nicht echt, es löst kein Problem und es hilf dir nicht bei dem wichtigsten Problem das wir alle irgendwie haben: Wir müssen mit uns selber klar kommen, egal wie oft wir neu starten, egal wie oft wir umziehen oder die Rahmenbedingungen ändern, egal welche Schicksalsschläge oder welche Glücksmomente wir erleben. Daher ein wichtiger Punkt für dich: Investiere die Aufwände, die du für dieses Erfahren dieser Fremd-Resonanz von außen investierst in dich selbst. Wir alle wissen im Inneren was das richtige ist – finde es und investiere da mehr – es wird dir helfen, mehr als das hier.

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