20 Kilo in 7 Tagen (Ursprünglicher Arbeitstitel)

She-Ra vs. Superpig
She-Ra vs. Superpig

„Du musst deinen Lesern schreiben wie es weiter gegangen ist!“, fordert mich mein Freund auf, während ich mir gerade einen frittierten Calamariring mit Knoblauchsoße in den Mund schiebe. Mit vollen Backen protestiere ich: „Aber es ist doch nichts Bewegendes passiert. Ich hab etwas abgenommen und wieder zugenommen!“

Kaum habe ich den Satz ausgesprochen, erkenne ich mich in meinem alten Muster wieder. Ich rede mir ein, erst XY erreichen zu müssen bevor ich YX anpacken kann. Nicht sonderlich klug. Ich weiß.

Wie viele Jahre meines Lebens habe ich damit verschwendet, mir einzureden, dass ich mich aktuell noch in einer Art Generalprobe für „etwas Größeres“ befinde? Wie viele Texte habe ich nicht veröffentlich und auf wie viele Parties bin ich nicht gegangen, weil ich an dem Abend überraschenderweise noch zu fett war?

Setzen Sie hier eine dramatische Metapher über Calamari-Ringe und Ketten der Gesellschaft ein.
Setzen Sie hier eine dramatische Metapher über Calamari-Ringe und Ketten der Gesellschaft ein.
Quelle: instagram.com/raisedbythewolves

 

Ich selbst predige meinen Freunden ja immer gerne, dass es egal ist wohin es geht, solange es irgendwie weiter nach vorne geht. Ein Jammer, dass ich nicht nicht gut genug mit mir befreundet bin, um mir selbst ständig meine Lebensweisheiten vorzutragen. Insofern lest ihr hier gerade einen Text, der hätte viel besser sein können, wenn ich seit letzter Woche 20 Kilo abgenommen hätte, erste Marathonerfahrungen gesammelt hätte und heute morgen mit Haruki Murakami beim Brunch gewesen wäre. War ich aber nicht. Schade Parade.

Was habe ich stattdessen gemacht? Am ersten Tag nach dem Text war ich tatsächlich beim Sport. Da wieder XY vorher geschehen musste, hat sich der Besuch auf die späteren Abendstunden verzögert. Denn ihr wisst ja wie das ist: Man braucht erstmal eine neue Sporthose, sonst kann man nicht anfangen. Schon gar nicht, wenn man kein dazu passendes Top, einen schmucken Sport-BH (den sowieso keiner sieht) und dazu passende Sneakers aufgetrieben hat. Für die Sneakers brauche ich dann meist noch farblich passende Halbsöckchen, aber bitte mit besonderes Fitness-Features wie magische Schweißabsorption und im besten Fall noch mit einem Lifting-Effekt. Diesmal wollte ich sogar noch unbedingt ein neues Fitness-Armband haben und weil ich mich doppelt und dreifach motivieren wollte, habe ich meinem Freund gleich auch noch eins aufgeschwatzt. „So können wir vergleichen!“ (Wenn es um Kaufargumente geht, bin ich immer ganz vorne dabei.)

Endich sehe ich beim Training aus wie Katrin Kleeblatt!!
Endich sehe ich beim Training aus wie Katrin Kleeblatt!!

Nachdem also endlich sämtliche DHL-, UPS- und Hermes-Lieferungen ankamen, ich mich in meinem fertigen Sportoutfit wie She-Ra fühlte, die Fitness-Playlist ordentlich zusammen gestellt war und der Wind aus der richtigen Richtung pfiff, machte ich mich endlich voller Elan auf den Weg in mein neues Studio. Zur wundervollsten Uhrzeit: 18:00. Ein Albtraum. Das Studio war überströmt von jungen Bürohengsten und Stuten, die sich nach Feierabend zum „sporteln“, „ins Fitti“, „zum Pumpen“ oder zum Bodystyling aufmachten. Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr wie She-Ra, sondern wie Super Pig. (Ja, das ist tatsächliche eine existierende Serie von Nippon Animation)

She-Ra vs. Superpig
She-Ra vs. Superpig

Letztes Jahr habe ich recht erfolgreich bei McFit trainiert, immer zu Uhrzeiten, zu denen kaum jemand da war, außer ein paar auf sich konzentrierte Physik-Nerds oder ein paar ältere Herren. Das war sehr beruhigend, aber leider bin ich umgezogen.

Während sich mein Pony stetig mit Schweiß vollsaugt und mein Gesicht immer röter wird, bilde ich mir ein das jeder um mich herum beruflich super erfolgreich,übermotiviert und fit ist. Binnen weniger Minuten fühle ich mich wieder, wie mein kindliches Ich beim Schulsport.

Ich habe mich ja immer mit Absicht beim Völkerball abwerfen lassen, damit ich mich wieder einsam auf eine Bank verziehen konnte, nachdem ich zuvor schon als letzte ins Team gewählt wurde. Gar nicht so unklug.

Ich war als Kind schon scheiße. Hier mit 10.
Ich war als Kind schon scheiße. Hier mit 10.

Als mir dann auch noch ins Auge fiel, dass meine Garmin vivosmart HR mir einen Puls von 55 anzeigt, obwohl ich kurz vorm Herzinfarkt stehe, vergeht mir vollends die Laune. Ich bin weinerlich und verziehe mich nach 40 Minuten wieder in die Umkleide. Aber ich bin beim Sport gewesen, auch wenn meine blöde Uhr das nicht bestätigen möchte.

„Letztendlich ist es wichtig, dass man überhaupt geht.“, predige ich mir diesmal selbst. Denn ich will mir ja endlich eine nervige Freundin sein. „Es benötigt mindestens 6 Wochen der stetigen Wiederholung, bis man eine Gewohnheit so etabliert hat, dass sie einem leicht von der Hand geht. Laut aktuellen Forschungen dauert es bei Ernährungsumstellungen sogar ganze 3 Jahre, bis es wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist.“ Ich lausche meinem wissenschaftlichen Ich und bin für’s erste zufrieden. War halt auch nicht klug um diese Uhrzeit zu gehen, zumal ich derzeit flexibel bin und es mir aussuchen könnte.

Die restliche Woche war gesegnet vom Muskelkater des Todes und vielen spontanen Ereignissen, bei denen es reichlich zu essen gab. Ich werde niemals das Mädchen sein wollen, dass wenn gute Freunde zu Besuch kommen, ernst an ihrem Salatblatt kauen wird. Auch wenn es vielen sicher wahnsinnig hilft, absolut konsequent zu sein, ich möchte in Gesellschaft gerne genießen und reiße mich dann lieber zusammen, wenn ich alleine bin oder nichts ansteht. Rückblickend habe ich letzte Woche also etwas abgenommen und wieder zugenommen. Ich bin also immer noch „fett“, aber nicht „fetter“, obwohl ich viel Spaß hatte. Das ist nicht ganz das Resultat auf das ich nach einer Woche gehofft hatte, aber ich predige mir ja neuerdings selbst: „Hauptsache vorwärts und nicht zurück, liebe Freundin!“

Der erste richtig warme Tag im Biergarten und Besuch aus Frankfurt. Ich wollte Rippchen haben :)
Der erste richtig warme Tag im Biergarten und Besuch aus Frankfurt. Ich wollte Rippchen haben 🙂 (bin rechts abgeschnitten, weil zu fett 😉 )

PS: Den Fitness-Tracker habe ich zurück geschickt, denn überraschenderweise hat er mir keine magischen +10% auf meine Motivation beschert.

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17 Comments

  • Ich kann anderen gute Ratschläge geben und erwarte, das diese befolgt werden. Wird Zeit, dass ich auch Selbstgespräche führe.
    Gute Idee.
    War heute den 3. Tag laufen. Bin stolz auf mich. Dann also auf die weiteren 39 Tage mit der Hoffnung, das es in Fleisch und Blut übergeht.
    Ich wünsche und beiden viel Erfolg.
    LG Edith
    P.S. ich bin auch Untergroß. 😉

  • Sehr schöner Artikel, ja ich kann das alles nachvollziehen, wobei mich das an ein Bild erinnert, welches ich vor einigen Tagen auf Facebook sah. Eine füllige Frau im Bikini am Strand (sie sah wirklich hübsch aus!) Darunter stand:
    Wie man einen Strandbody bekommt: 1. Habe einen Body, 2. gehe zum Strand.
    Die Schweinehunde lauern überall, wobei ich ein grosser Routinenfan bin, besonders in meinem Haushalt. So gross, das ich darüber auch blogge. Aber manchmal kriegen sie einen die Schweinehunde. Ich finde es super symphatisch, wenn jemand nicht nur an einem Salatblatt knabbert!
    Liebe Grüße von der Familienmanagerin

  • Ja hier, du sprichst mir aus der Seele. Vor allem das Aufschieben der vll großartigsten Dinge, weil gerade noch zu dick. Und dann erkennen, dass man sich dünner nicht besser fühlt als zuvor und alles verpassen, weil man in seiner Wahrnehmung zu oft ein Super pig bleibt. Danke für den Text.

  • Hey Nina, bin in der selben Situation. Einfach dran bleiben. Hilft ja nichts. Bei mir ist wie He-Man und Superpig (in blau).

  • Hey Nina!

    Hut ab! Bleib dran! Vergesse aber nicht deinen Spaß an allem! Sich selbst unter Druck setzen bringt nichts.

    Toi Toi Toi!
    Viele Grüße
    Nickel

  • Ich kenne Dich nicht und hab diesen Artikel nur zufällig gefunden. Deine Schreibweise hat mich extrem angesprochen, ich mag es locker und flappsig. Und ich kenne das Problem. Ich gehe davon aus, dass Du im Gegensatz zu mir ein Küken bist (ich gehe irgendwie auf die 40 zu, das lässt sich nicht vermeiden). Und daher komme ich jetzt mit scheußlicher Lebensweisheit daher, ich erkenne mich nämlich wieder in dem was Du schreibst. Und ich kann Dir eines verraten: Das Leben wird keinen Strich besser, wenn Du abnimmst. Nada, niente. Stattdessen vergeudest Du einen Haufen Energie. Energie, mit der Du die Welt retten könntest (das macht nämlich She-Ra aus. Und vielleicht auch Superpig. Nicht ihre Figuren und Gewichte. Die Fähigkeit die Welt zu retten). Ich war mit Anfang 20 auch immer unzufrieden und war mir sicher, dass das Leben besser und schöner und überhaupt superwomanig wird, wenn ich endlich abnehme. Ich wog ungefähr 63 Kilo auf 1,70 m. Eigentlich nicht übel aber auch nicht „richtig“ schlank. Kurz darauf wurde ich krank. Und am Ende dieser Krankheit wog ich noch ca 52 Kilo. Und mein Leben war nicht besser, im Gegenteil. Es war schlimm. Und was noch schlimmer war: Meine Oberweite war mit den Kilos verschwunden. Ich war fast flach wie ein Brett von ehemals 85 B. Ich hatte keine Gewichtsprobleme mehr aber dadurch änderte sich nichts. Und beim Sport kann ich Dir nur raten, etwas zu finden, was SPASS macht. Bei mir war es Yoga, ganz allein für mich. Ich muss mich immer wieder aufraffen aber nie so wie früher im Fitnessstudio. Und ich mache es gern.

  • Du schreibst das so bildlich das man sich selber darin erkennt und damit motivierst du mich auch über meinen Schatten zu springen und auf geht es zum Sport und das um 10.30 am Morgen

  • Du kannst so toll schreiben und ich fühle mit dir. Wäre das der Beginn eines Buches, so würde ich jetzt bis zum Ende weiterlesen. Ich kann mich voll mit dir identifizieren 🙂

    Dein Blog kommt in die Favoriten und ich hoffe, dass es bald weiter geht 😀

  • Wenn ich deine Texte lese, muss ich sagen, dass mich deine Art fasziniert! Sie regen zum schmunzeln, nachdenken und genießen an. Das bewundere ich immer wieder. Ich habe nicht das passende Gefühl solch Texte oder Situationen passend zu umschreiben und ein hauch von Humor mitspielen zu lassen. Aber schön das es Menschen gibt, denen das Talent in die Wiege gelegt wurde! Danke Nina 🙂

  • Liebe Nina…danke das es dich gibt. Ich lese deine Zeilen und habe das Gefühl wir haben gestern miteinander gesprochen und du hast mal eben so niedergeschrieben was so in meinem Leben abgeht. Es ist irgendwie voll erschreckend aber andererseits auch schön zu wissen das man nicht alleine dieses beschwerlichen Weg geht. Ich wünsche dir alles gute auf deinem Weg und freue mich mehr von dir zu lesen. Bleib deinem schreibstyl treu denn der ist einfach großartig ☺️

  • Mein Name ist Sabrina, ich bin 27 Jahre alt, 1.72cm gross und wiege aktuell 65kg ah und ich bin fett.
    Allerdings war ich auch schon 72kg und fett und 58kg und genauso fett.
    Wenn ich mir das so ansehe frag ich mich ja, was darf die Waage eigentlich anzeigen damit ich nicht fett bin?

  • Ich wollte dir einfach mal grad ein Kompliment aussprechen. Ich finde deine Art zu schreiben super! Irgendwie ernst, aber auch lustig. Mit viel Humor. Mach weiter so! Ich find dich super 🙂
    Lieben Gruß,
    Jenny

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